Ein katholischer Blick auf die heutige Zeit

Das Geschenk der Vergebung

Der Psychologie zufolge ist Vergebung eine sehr nützliche Maßnahme für die psychische Gesundheit, da sie den Groll im Kopf löst, die Zwanghaftigkeit verringert und von Unbehagen befreit. Damit die Vergebung diese Vorteile hat, muss man alle Etappen des Weges durchlaufen.

Carlos Chiclana

22. September 2021

Entschuldigung

Ein Priester wird täglich mit Situationen konfrontiert, in denen es Menschen gibt, die Gott um Vergebung bitten und die Beleidigungen/Schulden anderer vergeben, aber ist die Entscheidung, aus einem übernatürlichen Grund zu vergeben, genug für die Psychologie, um ebenfalls schnell zu reagieren? sind wir in der Lage, Feinden wirklich zu vergeben und keinen Groll zu hegen? ist es nicht eine narzisstische Erwartung, vorzugeben, bis zu einem solchen Extrem zu lieben? wird Verletzung so leicht in Mitgefühl umgewandelt, wird Beleidigung in Fürbitte umgewandelt? und Vergebung des Selbst?

Wenn sie dir im Bus auf den Fuß treten, weil sie auf die Bremse getreten sind, ist das leicht zu verzeihen. Wenn sie es auf Sie abgesehen haben, um Ihnen zu schaden, wenn es von jemandem getan wird, der Ihnen gegenüber verpflichtet ist, von jemandem, den Sie besonders lieben, oder von der Institution, der Sie angehören, ist es schwieriger und die Wunde ist tiefer. Angriffe, Untreue, Verrat, Verlassenheit, Missverständnisse, Missbrauch, Gewalt und eine lange Reihe von Wunden in den Tiefen der Seele.

Aus psychologischer Sicht sind die Vorteile des Verzeihens für die psychische Gesundheit wohl bekannt, und es gibt viele Forschungsgruppen, die sich damit befassen, weil es den Groll im Kopf löst, die Zwanghaftigkeit verringert und von Unbehagen befreit. Es handelt sich um einen Akt, der über die Gerechtigkeit hinausgeht, die eigene Identität betrifft und die Freiheit fördert. Damit die Vergebung diese Vorteile hat, muss man alle Etappen des Weges durchlaufen. 

Es ist leicht, in Fallen zu tappen, wie z. B. den Schaden zu ignorieren, den Konflikt zu vermeiden, Rache zu üben, sich zu verstellen, sich von Bitterkeit oder Traurigkeit beherrschen zu lassen, so zu tun, als ob man verzeihen würde, den Schmerz auf eine andere Person zu projizieren, auf die Rechte zu verzichten, die durch die Straftat entstanden sind, ungerührt und emotionslos zu erscheinen, sich als jemand moralisch Überlegenes aufzuspielen, so zu tun, als ob alles wieder so ist, wie es war, oder Versöhnung zu fordern. 

Kardinal Raztinger erklärte, er sei anspruchsvoll: "Die Vergebung kostet etwas, vor allem den, der vergibt: Er muss das empfangene Leid in sich selbst überwinden, es in sich selbst ausbrennen und sich so erneuern, damit dieser Prozess der Verwandlung, der inneren Reinigung, auch den anderen, den Schuldigen, erreicht und so beide, die das Böse bis ins Innerste erleiden und überwinden, erneuert werden". 

Die Experten schlagen vier Phasen vor:

1. die Entdeckungsphase.

Sie entdecken den Schmerz, der entsteht, und die Gefühle, die Sie haben, werden ausgedrückt. Sie untersuchen die auftretenden Abwehrmechanismen, wie z. B. das Leugnen der Intensität, das Wegschauen oder das Beschuldigen externer Faktoren. Sie gestehen die mögliche Scham oder den Wunsch nach Rache ein. Sie werden sich des enormen Aufwands an emotionaler Energie bewusst, den Sie verbrauchen, der mentalen Wiederholung der Straftat und wie Sie sich mit dem Täter oder der Täterin vergleichen. Die gerechte Welt, an die Sie geglaubt haben, ist aus den Fugen geraten. 

2. die Entscheidungsphase.

Sie wollen Ihre Emotionen, Ihre Einstellung zu dem, was geschehen ist und wer es getan hat, ändern. Sie fangen an, Vergebung als eine Option in Betracht zu ziehen, die Sie interessieren könnte, und Sie gehen diese Verpflichtung zumindest als kognitive Entscheidung an, auch wenn Sie noch unangenehme Gefühle haben. Sie trennen den Aggressor von der Aggression, um auf das Unrecht hinweisen zu können und die Würde desjenigen anzuerkennen, der Sie beleidigt hat.

3.- Arbeitsphase 

Der aktive Prozess der Vergebung beginnt. Sie definieren die Identität des Täters neu und überdenken sie, fördern Empathie und Mitgefühl, fördern die Akzeptanz des Schmerzes und werden sich des moralischen Geschenks bewusst.

4. die Vertiefungsphase 

Sie suchen und finden einen Sinn in dem, was Sie tun. Sie werden sich selbst als jemand bewusst, dem vergeben wurde und der nicht allein ist. Sie stellen fest, dass sich durch die Wunde ein neuer Lebensinhalt ergibt. Sie stellen fest, dass die negativen Auswirkungen nachgelassen haben.

Muss man um Vergebung gebeten werden, um vergeben zu können? Ist eine Versöhnung obligatorisch? Muss alles so sein wie vorher? Fachleute weisen darauf hin, dass es weder notwendig ist, um Vergebung zu bitten, noch sich zu versöhnen, und dass gerade wegen der Vergebung die Dinge nicht mehr so sind, wie sie vor der Straftat waren, noch wie sie während der Straftat waren, noch wie sie nach der Straftat ohne Vergebung sind, sondern anders.

So wird auf Rache verzichtet, aber nicht auf Schmerz, Gerechtigkeit oder Wahrheit; die persönliche Freiheit wird vergrößert, ich werde würdiger und ich würdige den Angreifer. Ich schaffe eine neue Art des Seins in meinem Leben. Wenn die persönliche Einstellung und die Gnade Gottes nicht ausreichen, um all diese Phasen zu durchlaufen, ist es angebracht, sich auf eine spezielle Vergebungstherapie zu verlassen.

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