Im Apostolischen Schreiben “Neue Landkarten der Hoffnung entwerfen” ruft Papst Leo XIV. Schulen und Universitäten dazu auf, authentische “Labore der Hoffnung” zu werden, in denen die Würde Vorrang vor Effizienz oder Bildungsmerkantilismus hat.
Sie plädiert daher für eine Erziehung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, den Dialog zwischen Glaube und Vernunft fördert und die Zusammenarbeit der gesamten Bildungsgemeinschaft – Lehrkräfte, Familien, Schüler und Zivilgesellschaft – in einem gemeinsamen Vorhaben unterstützt. Sie betont zudem die Verantwortung der Erzieher, deren persönliches Zeugnis ebenso wertvoll ist wie ihr Unterricht, und die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Ausbildung zukünftiger Fachkräfte, die deren Verstand, Herz und Hand gleichermaßen fördert.
In diesem Zusammenhang sprachen wir mit María Lacalle Noriega, Vizerektorin für Fakultät und Bildungsmodell und Direktorin des Open Reason Institute an der Francisco de Vitoria Universität, um zu erfahren, wie eine katholische Universität heute auf diesen Aufruf des Papstes reagieren und zu einem wahren Ort für menschlichen und sozialen Wandel werden kann.
Der Apostolische Brief “Neue Landkarten der Hoffnung entwerfen” Er schlägt vor, katholische Schulen angesichts der Kommerzialisierung des Bildungswesens zu einem “Labor der Hoffnung” zu machen. Wie interpretieren Sie diesen Aufruf des Papstes im Kontext katholischer Universitäten?
Im aktuellen Kontext liegt eine der größten Gefahren für Universitäten in der Tendenz, ihre Funktion rein technisch und ausschließlich auf die Berufsausbildung ausgerichtet zu verstehen. Zwar strebt die große Mehrheit der Studierenden genau danach, und viele Unternehmen fordern genau diese Art von Ausbildung. Diese Dynamik hat einige Universitäten dazu veranlasst, diesen reduktionistischen Ansatz zu verfolgen, um den Marktanforderungen gerecht zu werden und damit – das muss man anerkennen – gute wirtschaftliche Ergebnisse zu erzielen.
Die Mission der Universität geht jedoch weit über die reine Berufsausbildung hinaus. Sie umfasst den ganzen Menschen und strebt danach, “dass Professionalität von Ethik durchdrungen ist und Ethik nicht ein abstraktes Wort, sondern gelebte Praxis wird”, wie Papst Leo XIII. sagte. Wenn die Universität ihrer wahren Berufung gerecht wird und es ihr gelingt, ihre Studierenden zu formen und zu prägen, werden diese nicht nur bessere Menschen, sondern auch bessere Fachkräfte. So leistet die Universität einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl und trägt aktiv zum Aufbau einer gerechteren und besseren Gesellschaft bei – und wird damit zu einem wahren “Labor der Hoffnung”.
Der Papst betont, dass “Erzieher zu einem Zeugnis berufen sind, das ebenso wertvoll ist wie ihre Lehre”. Wie kann eine katholische Universität ihre Dozenten stärker in die Aufgabe der Evangelisierung einbeziehen?
Der gegenwärtige Bildungskontext ist durch die weitverbreitete Neigung zum Relativismus unter den meisten Studierenden gekennzeichnet, was die Wirksamkeit theoretischer Argumente und Begründungen stark einschränkt. Rationale Argumentation allein überzeugt selten und weckt kaum das Interesse der Studierenden. In diesem Kontext erweist sich das persönliche Zeugnis als ein wesentlich direkteres und wirkungsvolleres Mittel zur Vermittlung von Werten und Überzeugungen.
Das authentische und konsequente Vorbild einer Lehrkraft hat eine Wirkung, die die Kraft theoretischer Argumente weit übertrifft. Wenn eine Lehrkraft eine bestimmte Weltanschauung nicht nur rational darlegt und verteidigt, sondern auch nach diesen Prinzipien lebt und sie täglich demonstriert, vervielfacht sich ihr Einfluss. So erzeugt sie eine zweifache Überzeugung: erstens durch logisches Denken und zweitens durch die Glaubwürdigkeit und Konsequenz ihrer eigenen gelebten Erfahrung.
Diese Verbindung von Argumentation und persönlichem Zeugnis ist grundlegend für die ganzheitliche Entwicklung der Studierenden und die Evangelisierungsarbeit der katholischen Universität, da sie das intellektuelle Verständnis der vermittelten Werte fördert und deren Anwendbarkeit und Relevanz im realen Leben aufzeigt. So wird der Professor zu einem echten Vorbild, das die Studierenden durch Wort und Tat inspiriert und begleitet.
Wie werden die Geisteswissenschaften an der UFV gefördert?
An der Francisco de Vitoria Universität nehmen alle Bachelorstudierenden unabhängig von ihrem Studiengang an einem interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Programm teil. Es ist wichtig zu betonen, dass die Geisteswissenschaften einen zentralen Platz im Bildungsmodell der Universität einnehmen; sie sind keine Ergänzung, sondern bilden das Fundament, auf dem die umfassende Ausbildung der Studierenden aufbaut.
Das Hauptziel dieses Programms ist eine umfassende Ausbildung, die berufliche Exzellenz mit einer soliden, ganzheitlichen Grundlage verbindet. Es soll Studierende dabei unterstützen, sowohl ihre technischen Fähigkeiten als auch ihre persönliche Entwicklung zu fördern, indem sie lernen, kritisch zu denken, die Realität kritisch zu analysieren und Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen.
Die verschiedenen Fächer im geisteswissenschaftlichen Bereich sollen Studierende dazu anregen, Fragen nach dem Menschen, der Wahrheit, dem Guten und dem Sinn des Lebens zu stellen – kurzum, nach den tiefsten Fragen des Einzelnen und der Gesellschaft. Diese Reflexion wird durch erfahrungsorientiertes Lernen gefördert, das geisteswissenschaftliches Denken mit dem Studiengang und dem eigenen Leben verknüpft. Die Dozierenden spielen dabei eine entscheidende Rolle: Ihre Hauptaufgabe ist es, diese Fragen in den Studierenden zu wecken und ihnen anschließend die Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie selbstständig nach Antworten suchen und diese finden können. So werden die Fragen zu einem integralen Bestandteil ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung.
Wie bietet die UFV ihren Studierenden individuelle Unterstützung?
An der UFV verfolgen wir ein Bildungsmodell, das all unsere Lehrtätigkeiten leitet und unterstützt. Wir freuen uns sehr, dass der Papst bestimmte Themen hervorhebt und betont, die auch für uns von zentraler Bedeutung sind, wie Gemeinschaft, die Suche nach Wahrheit, Beziehungen, der Dialog zwischen Vernunft und Glaube, Bildung als eine Aufgabe der Nächstenliebe und die Rolle des Professors als authentischer Lehrer. All diese Elemente sind im Bildungsmodell der UFV verankert, das auf einem Menschenbild als Beziehungswesen basiert und dessen Kern die Beziehung zwischen Professor und Student bildet.
Wir sind uns der Bedeutung von Beziehungen für die Bildung bewusst und pflegen daher eine Mentorenkultur auf dem Campus. Diese zeigt sich einerseits in der individuellen Betreuung durch die Dozenten und andererseits in einem Mentorenprogramm, an dem alle Studierenden teilnehmen. Ein Team von über 300 Mentoren begleitet unsere Studierenden auf ihrem gesamten akademischen Weg und unterstützt sie dabei, humanistische Reflexionen mit ihren eigenen Lebenserfahrungen durch gezielte Fragen zu verknüpfen. So fördern wir ihre Fragen, hören ihren Anliegen zu, begleiten sie auf ihrer Suche nach Wahrheit und wachsen gemeinsam mit ihnen.
Wie kann die katholische Universität in einer von Technologie und künstlicher Intelligenz geprägten Zeit Fachkräfte ausbilden, die angesichts der Digitalisierung ihre Menschlichkeit bewahren?
Bildung ist der Schlüssel, der es uns ermöglicht, all die Vorteile von Technologie und künstlicher Intelligenz zu nutzen, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren. Und ich wage zu behaupten, dass eine humanistische Bildung an Universitäten unerlässlich ist, um allem in der digitalen und globalen Welt, in der wir leben, Sinn und Authentizität zu verleihen.
Wir sind überzeugt, dass es unerlässlich ist, dieses Thema umfassend zu behandeln und die Gefahr zu vermeiden, die Frage der Technologie im Bildungsbereich zu simplistisch zu betrachten, als ginge es lediglich um die Frage des Mittels: Womit bilden wir? Eine bloße Wahl des Werkzeugs würde zu einem riskanten Reduktionismus führen. Daher halten wir es für notwendig, über den unmittelbaren Nutzen technologischer Werkzeuge hinauszugehen und das Thema aus einer breiten Perspektive zu betrachten, die – wie Papst Leo XIII. betont – “theologische und philosophische Reflexion” oder, gemäß Benedikt XVI.s Vorschlag, den wir an der UFV übernommen haben, den Standpunkt der “offenen Vernunft” einschließt. Dies bedeutet, zu bewerten, wie Technologie und ihre Anwendung Menschen, ihre Beziehungen, ihr Dasein in der Welt, ihr Realitätsverständnis sowie das Gemeinwohl und die Zukunft der Menschheit beeinflussen können. So können wir zu umsichtigen und vernünftigen Ansätzen gelangen, die es uns ermöglichen, alle Vorteile der Technologie zu nutzen und gleichzeitig ihre Risiken zu vermeiden.
Welche Ziele verfolgt die UFV für die kommenden Jahre?
Unser Hauptziel ist die Konsolidierung unseres Ausbildungsmodells mit dem Titel Bildung als Mittel zur Transformation. Wir sind überzeugt, dass universitäre Bildung Leben und ganze Gesellschaften verändern kann. Unser Ziel ist es, Menschen auszubilden, die nach Wahrheit und Güte streben – Führungskräfte, die den großen Herausforderungen der Welt mit humanistischer Vision, Innovationskraft und Verantwortungsbewusstsein begegnen. Wir möchten ein Ort sein, an dem Wissenschaft und Glaube im Dialog stehen, an dem akademische Exzellenz auf gesellschaftliches Engagement trifft und an dem jeder Studierende und jeder Professor den Sinn seines Daseins und die Notwendigkeit erkennt, sich für die Transformation der Gesellschaft einzusetzen. Wir streben danach, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um, wie Papst Leo XIV. uns aufforderte, “neue Wege der Hoffnung zu gestalten”.